Truva Atı

5. Oktober 2017

Einen hab ich noch aus der Serie der politischen Lichtgestalten der Tiroler Liste Pilz: Çelebi Harmanci kandidiert auf Platz sechs der Landesliste und ist Pilz‘ einziger Kandidat im Wahlkreis 7C.

Der Darstellung auf Pilz‘ Internetauftritt (Original, hier gesichert) zufolge will sich Harmanci auf die Themen Integration und interreligiöser Dialog konzentrieren: „Weil ich mich mit dem Thema „Politischer Islam“ intensiv beschäftige und glaube, mich hier konstruktiv einbringen zu können.“

Womöglich hat er sich dafür mit seiner 2008 an der Universität Innsbruck (laut Peter Pilz eine „Baumschule“) verfassten Diplomarbeit mit Titel „Zerfall des Osmanischen Reiches und seine nationalen Folgen“ qualifiziert. Eine genauerer Blick auf diese Arbeit erstaunt allerdings, da sie im Tenor so gar nicht mit Peter Pilz‘ Linie korrespondiert.

Beispielsweise stellt er Persönlichkeiten wie den ob seiner Grausamkeiten berüchtigten osmanischen Herrscher Mehmed II. ausschließlich überschwenglich positiv dar. Dieses Muster behält Harmanci bei der Beschreibung osmanischer Herrscher aller Zeitalter bei.

Besonders auffällig ist das in seinem Kapitel über den Völkermord an den Armeniern, wo Harmanci ausführt, dass die Gründe für dieses Verbrechen in der „Einmischung der Großmächte“ zu suchen wären. Das widerspricht jeglicher Forschung. Die politische Verantwortung des damaligen Herrschers Abdülhamid II. wird in in einem Nebensatz erwähnt. Es fällt schwer eine wissenschaftliche Motivation zu finden, eher könnte man vermuten Pilz‘ Kandidat war ideologisch versucht Abdülhamid II. zu exkulpieren?

cr_20170920_090233Der Gedanke der ideologischen Motivation drängt sich noch mehr im Kapitel über Atatürks Ansprache an die Jugend auf. Harmanci hat sich entschlossen diesen Text auf türkisch vollständig, in Deutsch jedoch nur ein kurzes Fragment wiederzugeben. Ausgerechnet jene Passage fehlt, in der vom „edlen Blut“ die Rede ist, das angeblich in türkischen Adern fließt.

Besonders verstörend ist eine Bemerkung Harmancis im Schlussteil seiner Diplomarbeit. Wie am Photo links zu sehen ist stellt er ohne Belege anzuführen oder diese zu benennen „israelische Gräueltaten“ in den Raum. Damit reflektiert er in einer wissenschaftlichen Arbeit Denkmuster stramm türkischer Nationalisten.

Über Unstimmigkeiten bei Quellenangaben – das böse P-Wort verwende ich ausdrücklich nicht – lasse ich mich nicht weiter aus, der damalige Begutachter von der Diplomarbeit möchte sich diese ohnehin nochmals durchsehen.

„Politisch bin ich ein weißes Blatt“ schreibt Harmanci in seiner Selbstdarstellung auf oben angeführtem Internetauftritt der Liste Pilz. Dass Weiß nicht unbedingt unbefleckt heißen muss liegt auf der Hand. So sind etwa auf seinem Youtube-Kanal (Original, hier gesichert) zwei von ihm erstellte Videos zu finden, die Peter Pilz‘ Kandidaten als Fan von Norbert Hofer outen.

Womöglich hat sich da also Peter Pilz ein türkisches Trojanisches Pferd – ein Truva Atı – in seine kleine Widerstandsbewegung gegen türkische Nationalisten geholt. Oder aber er denkt noch viel langfristiger als vermutet und baut auf andere Talente von Çelebi Harmanci. Immerhin hat Pilz gedroht bei erneuten allfälligem politischen Scheitern seine Gesangskarriere weiterzutreiben. Eine Hupfdohle hätte er mit seinem Kandidaten schon mal:

Quelle des Photo: Harmanci, Ç. (2008) Zerfall des Osmanischen Reiches und seine nationalen Folgen, Innsbruck, Univ., Dipl.-Arb., Seite 111

Quelle des Video: youtube.com, Stand 06. Oktober 2017
Deeplink: youtube.com/watch?v=72RXUgQF4uI