Anneliese, ach Anneliese

28. Dezember 2017

Bitte den Nachtrag ganz unten beachten!

Eigentlich hat der Kurier hier schon alles Wissenswerte über die von der FPÖ gestellte dritte Nationalratspräsidentin Anneliese Kitzmüller geschrieben. Dass wir an Kitzmüller noch viel Freude haben werden zeigen die weiteren Berichte der letzten Woche, wobei insbesondere ein Photo einer Veranstaltung der rechtsextremen „Arbeitsgemeinschaft für demokratische Politik“ (AFP) für Aufregung sorgte.

Kitzmüller verwahrt sich jedenfalls dagegen dass sie neben Gottfried Küssel auf den in diversen Medien publizierten Photos wäre. Mitgeteilt wurde das samt der obligatorischen Klagsdrohung von ihrem Sprecher Konrad Belakowitsch, ein alter Herr der schlagenden Burschenschaft Silesia. Die dummen Jungs der Silesia sind noch gut von einer Auseinandersetzung im Wiener Rotlicht-Milieu in Erinnerung, bei der die damalige Chefsekretärin von Bundeskanzler Strache ausgerechnet einen gewissen Gottfried Küssel zur Hilfe rief.

Aber gut. Diese reinrassigen arischen Schönheiten sehen einander nun mal zum Verwechseln ähnlich. Leider habe ich kein Photo Kitzmüllers aus 2006, als die AfP-Akademie in Gumpoldskirchen tagte, zur Verfügung. Ein Abgleich mittels forensischer Gesichtserkennungssoftware mit einem Photo aus 2009 zeigt eine Übereinstimmung von eh nur 74.5%. Um es also mit teutscher Zunge zu sagen: „Kitzmüller und Küssel? Ich halte mich da raus! Ich glaube alles, was dogmatisch vorgeschrieben ist.„.

photo_2017-10-29_21-20-27Noch ein klein wenig mehr strapaziert wird unsere Glaubensbereitschaft angesichts des Gedenksteines in Kitzmüllers Heimatort Kirchschlag hier links. Dem Text zufolge wurde an dieser Stelle von US-Befreiern ein ungesühntes Kriegsverbrechen begannen: „Hier wurden 1945 – bei Kriegsende – drei ganz junge deutsche Soldaten von der amerikanischen Besatzungsmacht als Geiseln erschossen! Barmherziger Gott wir bitten Dich! Bewahre unsere Jugend und unsere Heimat vor einem neuen Krieg und der Zerstörung des christlichen Abendlandes!“.

Trotz umfangreicher Recherche lässt sich kein einziger Beleg für dieses angeblich von US-Streitkräften begangene Kriegsverbrechen finden. Was wir aber finden, lässt die Geschichte in einem anderen Licht erscheinen. Das Buch „Generationen erzählen“ schildert Lebenserinnerungen von Zeitzeugen der Kriegs- und Nachkriegsjahre, darunter auch jene des Linzers Franz Rieger.

Riegers Erinnerungen lesen sich so: „Wie zu Kriegsende die Amerikaner nach Kirchschlag vorgerückt sind, haben sich drei SS-ler im Wald verschanzt und wollten das Blatt noch wenden. Sie wollten noch gegen die Amerikaner kämpfen – am Ortseingang von Kirchschlag gibt es heute noch einen Gedenkstein, wo die SS-ler erschossen wurden.“ – Angehörige der verbrecherischen Organisation SS klingt schon ganz anders als das harmlose „ganz junge deutsche Soldaten“. Ebenso ist kein Wort von einer angeblichen Geiselnahme zu finden, das war ja ohnehin eher krimineller Usus der deutschen Kriegspartei. Der Schwachsinn, dass ausgerechnet die antichristliche NS-Vernichtungsmaschinerie uns vor der „Zerstörung des christlichen Abendlandes“ bewahren solle richtet sich ohnehin von selbst.

Ich kann nachvollziehen, dass man sich nicht unbedingt im Detail mit solchen geschichtsrevisionistischen Dämlichkeiten und mit Reinwaschungsversuchen von SS-Verbrechern auseinandersetzen muss, zumal der Gedenkstein nicht an einem prominenter Stelle sondern in einem winzigen oberösterreichischen Kaff steht. So hält sich beispielsweise die ÖVP-Bürgermeisterin Gertraud Deim in der Sache bedeckt und erteilt trotz mehrfacher Anfragen keine Auskünfte zur Sache. Man könnte sich aber Gedanken darüber machen wenn es sehr wahrscheinlich ist, dass man den Gedenkstein nahezu täglich passiert, wie etwa der einschlägig unbescholtene Kirschschläger FPÖ-Gemeinderat Wolfgang Kitzmüller, Gatte von Anneliese Kitzmüller.

2017-10-30_112915Am Satellitenbild hier links eingekreist der Meldewohnsitz der Kitzmüllers im Witikoweg (Witiko, zwinker, zwinker), weiter rechts im Bild die GPS-Markierung des geschichtsverfälschenden Gedenksteins.

Ob der örtlichen Nähe ist mit Sicherheit davon auszugehen, dass Kitzmüllers darüber Bescheid wissen, von Bemühungen den Geschichtsrevisionismus im sozusagen Vorgarten zu korrigieren ist nichts bekannt. Dabei sollte man meinen, dass gerade Anneliese Kitzmüller Interesse an einer Aufarbeitung haben könnte, hat sie doch über eben diese Zeitspanne ein dilettantisches ewiggestriges Buch herausgegeben. Mitherausgeber war ein gewisser Martin Graf …oh, wait!

*** Nachtrag 30. Dezember 2017 ***

Der Kurier veröffentlicht heute, dass sich eine „Silvia M.“ gemeldet habe: „Fast untergegangen ist dabei Silvia M. mit ihrem Zwischenruf: ‚Ich bin der Mensch auf dem Foto.‘ Dass ihr Bild ‚überall gepostet und analysiert wird‘, werde sie sich nicht gefallen lassen, erklärt sie im KURIER-Gespräch. ‚Das ist rufschädigend für mich. Das war in der Vergangenheit, ich will damit nichts mehr zu tun haben.'“, und weiter: „‚Ja, ich war bei dieser Veranstaltung, aber das ist ja nichts Verbotenes‘, sagt Silvia M. – immer noch FPÖ-Wählerin, ‚aber kein Nazi‘, wie sie betont. Mit Küssel sei sie damals bekannt gewesen, er habe sie im Auto mit zur Veranstaltung nach Gumpoldskirchen genommen. Seit seiner Inhaftierung sei der Kontakt abgebrochen.“.

1cr_376853_463151570385968_693117121_nWie oben schon erwähnt – diese reinrassigen arischen Schönheiten sehen sich zum Verwechseln ähnlich. Und es könnte sich auf dem Photo von der AfP-Tagung tatsächlich um Silvia Maritsch handeln. Bei Maritsch handelt es sich um kein unbeschriebenes Blatt. Als Lebensgefährtin des verurteilten Neonazi Edmund Eminger war sie nicht nur in der AfP aktiv, sondern hatte auch in den mittlerweile verbotenen neonazistischen HNG-Nachrichten veröffentlicht.

Das Photo links stammt von Maritsch‘ Facebook-Account und ist zeitlich nicht einordenbar. Aber wie bereits erwähnt, eine gewisse Ähnlichkeit nicht nur zur Person am AfP-Photo, sondern auch zu Kitzmüller ist nicht von der Hand zu weisen.

Quelle des ersten Bildes: eigenes Archiv, zum Vergrößern anklicken

Quelle des zweiten Bildes: google.com, Stand 28. Dezember 2017, zum Vergrößern anklicken
Deeplink: google.at/maps/place/Witikoweg+1,+4202+Kirchschlag+bei+Linz/@48.4171893,14.2769604,139m/data=!3m1!1e3!4m5!3m4!1s0x47739c2116a1775f:0x2db6597abe49aeef!8m2!3d48.4174644!4d14.2767095

Quelle des dritten Bildes: facebook.com, Stand 30. Dezember 2017, zum Vergrößern anklicken
Deeplink: facebook.com/photo.php?fbid=463151570385968&set=a.463151560385969.107786.100000733860228&type=3&permPage=1